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Vom Mauerblümchen zum Vorzeigequartier
- das Portugiesenviertel

Hamburg - das Tor zur Welt. Mehr geht nicht, möchte man meinen. Doch da gibt es auch noch die Hansestadt als Metropolregion, als größten deutschen Seehafen, als sündigste Meile der Nation, als Hauptstadt der Musicals, der Medien und der Werbeszene. Nirgendwo sonst funkeln mehr Michelin- Sterne am Gourmethimmel, und auch die Speicherstadt wäre noch für reichlich Superlative gut. Die Liste der bedeutenden Hamburgensien ließe sich problemlos noch eine Weile fortsetzen. Nicht zuletzt ist an der Alster mit dem Marx'schen „Kapital“ ein Buch verlegt worden, das ebenso die Welt verändert hat, wie die konspirative Planung gleich hinter dem Hauptbahnhof, die als „9/11“ ganz weit oben auf der Agenda des Bösen steht.


Für die Hanseaten ist die Stadt allerdings eher ein gefühltes Dorf. Oder besser das Dorf der Dörfer. Jedes mit eigenem Bürger- und Sportverein. Eine solche Kleinteiligkeit mag etwas zu tun haben mit dem Hamburger an sich. Ein ähnliches Verhalten wurde aber auch schon anderswo gesichtet. Vielleicht ist die Ursache dafür im Groß-Hamburg-Gesetz von 1937 zu finden, das mit dem Anschluß per Dekret dazumal 35 selbständige Städte und Ortschaften eingemeindete, die Fläche damit fast verdoppelte und mit einem Einwohnerzuwachs von beinahe 500.000 Menschen auf knapp 1,2 Millionen die seinerzeit schon große Stadt endgültig zur Großstadt machte.


Nach inzwischen mehr als sieben Jahrzehnten des verordneten Anschlusses kommen noch heute beispielsweise Bewohner aus dem Alstertal zum Einkaufen „in die Stadt“ - und meinen damit Poppenbüttel. Muß man dann doch einmal in die City, fährt man „nach Hamburg“. Wie auch immer, die Stadtteilkultur lebt. Davon zeugen nicht zuletzt auch die rund 100 Wochenmärkte auf Hamburger Straßen Plätzen. Das ist Europarekord. Ganz im Sinne solch lokaler Verbundenheit steht denn auch weitere Hege und Pflege von Wohn- und Lebensqualität in Kultur- und Kommunikationszentren, in Bürgerhäusern oder auch in sogenannten Business Improvement Districts (BIDs), wo mit privatem Engagement von Kaufleuten und Grundeigentümern für städtische Quartiere gearbeitet wird. Stadtteilteil- und Integrationsbeauftragte und viele Kümmerer mehr sorgen sich tagtäglich um das soziale Wohlergehen der Mitmenschen.


Gelegentlich läßt sogar der Senat der Freien und Hansestadt etwas springen, um gesellschaftliche Brennpunkte wie in Wilhelmsburg, in Rothenburgsort, auf der Schanze oder im Karolinenviertel zu befrieden. Andere Mittel flossen in urbane Qualität etwa am Lindenplatz in St. Georg oder in die Große Bergstraße nach Altona. Da aber Sanierungskosmetik in der Regel bald betuchtere Wohnbevölkerung anzieht und Vermieter sich durch Schicki-Mickisierung nach den Gesetzen der Profitwirtschaft zu höherem Mietzins ermuntert fühlen, rührt sich hier und da schon mal der Widerstand per Farbbeutel oder brennender Mülltonne. Was nicht selten zusätzlich mit behördlicher Aufmerksamkeit und entsprechenden Zuwendungen bedacht wird.


Fernab aller Querelen und deshalb außerhalb großartiger öffentlicher Wahrnehmung gehen derweil die Dinge direkt am Hamburger Hafen ihren friedlich-schicklichen Gang. Zwischen Landungsbrücken und Michel hat sich im Laufe der letzten zwei Jahrzehnte das multikultige Portugiesenviertel hingekuschelt. Zahlreiche kleine Bistros, lebendige Straßencafés und urige Bodegas schaffen eine recht südländische Atmosphäre. hier ist längst nicht alles portugiesisch und schon gar nicht alles gastronomisch. Denn da sind die skandinavischen Seemannskirchen genauso beheimatet wie die Hamburger Eisenkrämerei, brasilianisches Wohndesign, die deutsche Modeboutique, der türkische Bäcker, der iranische Lotto-Toto-Laden oder etwa der pakistanische Friseursalon.


Tag für Tag findet hier nun eine Völkerverständigung statt, die als Integration von unten Modellcharakter haben dürfte. Niemand bemüht sich angestrengt darum, sie passiert einfach. Vielleicht, weil alle wissen, daß alle von allen leben. Und so zollt man sich, gleich welcher Herkunft, nicht nur den nötigen Respekt, es herrscht mehr oder weniger eine grundsätzliche Sympathie füreinander, die ganz offensichtlich sowohl bei Eingeborenen wie auch bei Touristen gut ankommt. Das läßt sich rein optisch an häufig vollbesetzten Cafés und Restaurants festmachen, andererseits sprechen veritable Zahlen eine mehr als deutliche Sprache: Allein der größte Gastrobetrieb dort begeistert Monat für Monat rund 10.000 Gäste.


Dabei ist Portugiesenviertel keinesfalls für den Massentourismus geeignet. Man versteht sich eher als deutlicher Gegenentwurf zum Hafengeburtstag und als Naherholungsgebiet für die gestylte Hafencity. In dem kleinen Dorf am Hafen kennt eben jeder jeden, und die unterschiedlichen Kulturen leben hier in einträchtiger Nachbarschaft miteinander. Einfach so.